Fehlinterpretationen der Ernährungsempfehlungen bei Ei und Gluten
- Die DGE-Empfehlung von einem Ei pro Woche wurde aus Klimagründen gesenkt – wird aber öffentlich fälschlicherweise als Herzwarnung kommuniziert.
- Für Menschen ohne Zöliakie ist eine glutenfreie Ernährung nicht nur unnötig, sondern kann das Risiko für Herzerkrankungen und Diabetes mellitus Typ 2 sogar erhöhen.
- Gesundheitsleitlinien auf nationaler und EU-Ebene müssen den aktuellen Forschungsstand konsequenter berücksichtigen und ein offener wissenschaftlicher Dialog ist überfällig.
Berlin, 17. Juni 2026 – Offizielle Ernährungsempfehlungen stehen nach Ansicht von Experten zunehmend in der Kritik, missverständlich kommuniziert zu werden. Das Forum for Evidence-Based Preventative Health (FEBPH) und der Ernährungs- und Gesundheitswissenschaftler PhDr. Sven-David Müller sehen anhand aktueller Beispiele Hinweise darauf, dass institutionelle Kommunikation wissenschaftliche Erkenntnisse verzerrt darstellen kann. Und das hat folgen für die Gesundheit vieler.
Eier und Herzgesundheit: Klimaempfehlung wird als Herzwarnung missverstanden
Die DGE senkte im März 2024 die empfohlene Eierverzehrmenge auf ein Ei pro Woche aus Nachhaltigkeitserwägungen, nicht aufgrund neuer medizinischer Erkenntnisse. Zur gesundheitlichen Wirkung räumte die DGE selbst ein, dass die Studienlage „weder eindeutig negativ noch eindeutig positiv“ sei. Dennoch transportierten Gesundheitsportale, Patientenmedien und Krankenkassen-Publikationen die Empfehlung als kardiovaskuläre Warnung weiter. Die aktuelle Forschung zeichnet ein anderes Bild:
- PROSPERITY Trial (ACC 2024): Der Verzehr von bis zu zwölf Eiern pro Woche zeigte keine signifikant negativen Auswirkungen auf das Lipidprofil.
- PubMed-Studie (2025): Nicht das Nahrungscholesterin aus Eiern erhöht den LDL-Spiegel, sondern gesättigte Fettsäuren. Zwei Eier täglich können LDL bei fettarmer Kost sogar senken.
„Dass eine Nachhaltigkeitsempfehlung in der Öffentlichkeit als Herzschutz-Maßnahme ankommt, ist ein Musterbeispiel dafür, wie institutionelle Kommunikation Fehlinformationen produziert, ohne es zu beabsichtigen“, sagt PhDr. Sven-David Müller.
Glutenfrei: EU-Kennzeichnung macht eine Diät ohne Nutzen salonfähig
Für die übergroße Mehrheit der Bevölkerung ist eine glutenfreie Ernährung wissenschaftlich nicht belegt und potenziell schädlich. Eine Studie mit über 100.000 Teilnehmern (Lebwohl et al., 2017, BMJ) fand keinen Zusammenhang zwischen Glutenverzehr und dem Risiko für koronare Herzkrankheit bei Gesunden. Glutenfreie Produkte weisen häufig Defizite bei Ballaststoffen, Folsäure, Eisen, Zink, Magnesium und Kalzium auf.
Dennoch hat die EU-Regulierung Glutenfreiheit als implizites Gesundheitsmerkmal etabliert: EU-Verordnung Nr. 828/2014 erlaubt die offizielle Kennzeichnung als „glutenfrei“ ohne medizinische Indikation beim Käufer. EU Health Claims Regulation (EG) Nr. 1924/2006 enthält keine negativen Gesundheitsaussagen über Gluten für Gesunde – Glutenfreiheit verbleibt so als vermeintlich wünschenswertes Merkmal im Markt.
„Für Menschen mit Zöliakie ist eine glutenfreie Ernährung lebensnotwendig. Für alle anderen ist sie in der Regel weder nötig noch sinnvoll noch frei von Risiken. Dass diese Unterscheidung in der öffentlichen Kommunikation verloren gegangen ist, hat reale Folgen für die Nährstoffversorgung und das Krankheitsrisiko der Bevölkerung“, sagt PhDr. Sven-David Müller, der selbst an Zöliakie erkrankt ist.
Das FEBPH und PhDr. Sven-David Müller fordern, dass Gesundheitsempfehlungen, Leitlinien und EU-Vorgaben den aktuellen Forschungsstand konsequenter berücksichtigen und ein offener wissenschaftlicher Dialog etabliert wird, um bestehende Kommunikationsfehler zu erkennen und zu korrigieren.
Über Sven-David Müller
Sven-David Müller (56) aus Salzgitter ist im Alter von sechs Jahren an Diabetes mellitus Typ 1 erkrankt und diese chronische Krankheit prägte seinen Weg in die Ernährungsberatung und ernährungsmedizinische Wissenschaft. Für seine gemeinnützige Arbeit im Ernährungsbereich wurde er unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz oder dem Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft der Albert Schweitzer Gesellschaft ausgezeichnet. Nach der Ausbildung zum Diätassistenten und der Weiterbildung zum Diabetesberater DDG studierte er angewandte Ernährungswissenschaft und Public Health. Er ist Master of Science und PhDr. An der Donau Universität Krems, der Fresenius Hochschule, der SRH Hochschule und der Karl Landsteiner Universität Krems hält er regelmäßig Vorlesung. Aus seiner Feder stammen mehr als 200 Publikationen. Sven-David Müller wurde zum Ehrenmitglied des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin ernannt.